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Estate Conversations

«Ich will mich nicht mit einer Stiftung herumschlagen» – Nachlassgespräch mit Miriam Cahn

Miriam Cahn (* 1949) ist eine der erfolgreichsten Schweizer Gegenwartskünstlerinnen. Erst vor wenigen Tagen hat sie den nur alle fünf Jahre verliehenen Rubenspreis der Stadt Siegen verliehen erhalten. Neben ihrem Kunstschaffen hat Miriam Cahn letztes Jahr auch mit ihrer Forderung, sie wolle ihre im Kunsthaus Zürich befindlichen Werke aufgrund dessen Verhalten rund um die Sammlung Bührle abziehen, für Aufsehen gesorgt. Das Zentrum für künstlerische Nachlässe hat Miriam Cahn darüber befragt, wie sie es mit der Nachlassplanung hält.

Das Interview ist auf Wunsch der Künstlerin schriftlich durchgeführt worden. Die Antworten sind orthografisch unverändert geblieben.

Die Fragen stellte Florian Schmidt-Gabain, Präsident des Zentrums für künstlerische Nachlässe.

Fotos: Maurice Haas.

 

 

«kunstwerke sterben von selbst, wenn sie nicht mehr relevant sind.»

 

ZKN: Lukas Bärfuss hat im Nachlassgespräch mit dem Zentrum für künstlerische Nachlässe gesagt, Kunst ohne Ruhm sei sinnlos. Er wünsche sich, auch in 2000 Jahren noch gelesen zu werden. Teilen Sie die Meinung von Bärfuss? Möchten Sie, dass Ihre Werke auch in 2000 Jahren noch betrachtet werden?

Miriam Cahn: absurd. kein mensch auch Bärfuss nicht weiss wie es in ein paar jahrzehnten sein wird. da ich dann sowieso tot bin ist mir das egal…

 

Wann ist es, nicht nur in Bezug auf Ihre eigene Kunst, sondern allgemein, angebracht, ein Kunstwerk für die Nachwelt zu erhalten? Wann ist es vertretbar, ein Kunstwerk zu vernichten?

kunstwerke sterben von selbst, wenn sie nicht mehr relevant sind. vernichten geht nicht.

 

Was macht die Relevanz eines Kunstwerks aus?
das werde ich nun sicher nicht beantworten.

 

Wer ist dafür verantwortlich, dass (gewisse) Kunstwerke für die Nachwelt erhalten bleiben: Die Künstlerinnen und Künstler selbst? Die Museen? Der Staat?

die museen haben heute diese funktion des erhaltens – alles andere ist geschichtszufall.

 

Wieso schreiben Sie den Künstlerinnen und Künstlern keine Verantwortung zu, ihre Werke für die Nachwelt zu erhalten?
zu oldscool und konservativ

 

«das einzige, was diesen Bührleschlammassel einigermassen in ordnung bringen würde, wäre umfassende aufklärung.»

 

Was halten Sie davon, dass manche Museen, z.B. in den USA, ihre Sammlungen umstrukturieren? Etablierte Positionen wie Warhol, Lichtenstein, Singer Sargent etc. werden teilweise verkauft, um unbekanntere und diversere Positionen in die Sammlung aufnehmen zu können.

das ist der lauf der dinge im kapitalismus, wenn der staat die museen nicht mehr bezahlen kann. da fällt mir keine alternative dazu ein.

 

Würden Sie es begrüssen, wenn das Kunsthaus Zürich die Sammlung Bührle – ein Sammlernachlass – zurückgeben würde, um die Ausstellungsflächen mit anderen (unbekannteren) Positionen zu bespielen?

nein. zurückgeben ist nur reaktiv – man kann ja auch den neubau nicht abreissen. ausserdem sind es nicht die ausstellungsflaächen, die ein museum interessant machen, sondern das programm. das einzige, was diesen Bührleschlammassel einigermassen in ordnung bringen würde, wäre umfassende aufklärung durch die öffentlichen möglichkeiten eines museums für ein breites publikum: ausstellungen mit und vor allem anhand der person Bührle, seiner sammlung und dem nachkriegsschweigen der Schweiz. die Bergier-kommission hat anscheinend nichts in der öffentlichkeit bewirkt.

 

Was für eine Zukunft wünschen Sie sich für Ihre Kunstwerke nach Ihrem Ableben? Wo sollen diese aufbewahrt und gezeigt werden? Sollen Sie überhaupt gezeigt werden?

wenn ich gestorben sein werde, wird mein testament eine stiftung sein, die zum inhalt stipendien für künstlerinnen und künstler, musizierenden und schreibenden mit aufenthalt verschiedener dauer in meinem atelier in Stampa/Bergell (magazzino) durchführt. dazu braucht die stiftung mein verbliebenes vermögen + 50% des verkaufes von meinen werken durch meine galerien. d.h das verhältnis galerie-künstlerin bleibt gleich und meine werke kommen so auf diesselbe art und weise unter die leute wie bisher – durch verkauf.

 

Wieso gründen Sie Ihre Stiftung nicht bereits zu Lebzeiten? Die Erfahrung zeigt, dass von Todes wegen zu gründende Stiftungen häufiger problemanfällig sind oder manchmal auch gar nicht gegründet werden.
Ich lebe ja noch – und will mich sicher nicht mit einer stiftung herumschlagen, sondern wie immer autonom weiterarbeiten und selbstbestimmt über meine arbeiten bestimmen. Mein testament als stiftung steht und ist sehr gut von einem spezialisierten juristen betreut.

 

Ist Ihr künftiger Nachlass bereits inventarisiert?

das sollen die personen meiner stiftung nach meinem tod machen – inventarisieren ist heisst nur wahnsinnig viel zeitverlust, weil es schon soviele bestehende arbeiten sind und ich ja auch immer jeden tag neu arbeite…

 

Verfügen Sie heute über gar kein Inventar oder zumindest ein grobes?

doch natürlich für den täglichen gebrauch für meine galeriene und für die ausstellungen.

 

Haben Sie gezielt «Oral History» (z.B. Interviews) anfertigen lassen oder planen Sie, dies zu tun?

wie bitte? habe anderes zu tun – also nein.

 

Wer soll dereinst die Kontrolle über Ihren Nachlass ausüben? Planen Sie, eine Stiftung zu gründen? Soll sich Ihre Familie um die Nachlasspflege kümmern oder ein Dritter, z.B. eine Ihrer Galerien?

siehe oben – meine stiftung wird von meinen galerien und verschiedenen anderen personen aus dem Bergell geleitet werden aber sicher nicht durch famillienangehörige.

 

Weshalb soll Ihre Familie sicher nichts mit der Verwaltung Ihres Nachlasses zu tun haben?
habe nur noch einen bruder – und keinen kontakt – also warum sollte ich?

 

Soll die Herrschaft über Ihre Urheberrechte von derselben/denselben Person(en) ausgeübt werden, die ihren physischen Nachlass kontrolliert/kontrollieren?

ja.

 

Miriam Cahn plant keine Schenkungen von Werken vorzunehmen.

 

Wann haben Sie sich zum ersten Mal Gedanken über das Thema Nachlassplanung gemacht?

als ich alt wurde.

 

Wann genau hat das Altwerden angefangen?

zu intim als frage.

 

Planen Sie Schenkungen von Todes wegen?

nein.

 

Planen Sie, Teile Ihres künftigen Nachlasses zu zerstören oder Zugangssperren einzurichten?

nein.

 

Werden sich in Ihrem Nachlass unveröffentlichte Werke befinden? Wenn ja: Was soll damit geschehen?

hallo? bei meiner menge an arbeiten und mit laufender arbeit gibt es immer wie Sie es nennen «unveröffentlichte».

 

Wird Ihr Nachlass berufliche und private Korrespondenzen enthalten? Wenn ja: Was soll damit geschehen?

mir egal. lesen Sie mein buch DAS ZORNIGE SCHREIBEN.

 

Könnten Sie für unsere Leserinnen und Leser, die DAS ZORNIGE SCHREIBEN nicht kennen, kurz erläutern, wieso Ihnen egal ist, was mit Ihren Korrespondenzen geschieht?

nein – zu mühsam.

4. July 2022